Jakob Kaiser, deutscher Staatsmann mit CDU-Parteibuch, stand in der letzten Nachkriegszeit für ein einiges und souveränes Deutschland als Brücke zwischen West und Ost. Er starb heute vor 65 Jahren
Zuerst publiziert auf weltinsel.com
„Wer die Gesundung Deutschlands will, kann nur von der Tatsache ausgehen, daß Deutschland zwischen Ost und West gelagert ist. Die Konsequenz dieser schicksalhaften, aber auch aufgabenreichen Lage ist nicht das Entweder-Oder eines West- oder Ostblocks, sondern das Sowohl-als-Auch der Verständigung und des Ausgleichs zwischen den Völkern und die Gesundung aus eigenem Geist heraus“ [1]. Diese markante Position war am 1. Januar 1947 in der Tageszeitung NEUE ZEIT zu lesen, die seit Juli 1945 im sowjetischen Sektor Berlins erschien und der schon einen Monat zuvor dort gegründeten Christlich-Demokratischen Union Deutschlands nahestand. Autor solcher Zeilen über den künftigen „Deutschen Weg“ war Jakob Kaiser, Mitbegründer und damals Vorsitzender jener späteren Ost-CDU, ein Mann, dessen Name heute zwar eines der großen Bundestagsgebäude in Berlin schmückt, aber ansonsten weitgehend vergessen ist. Gerade er jedoch verdient, wieder in Erinnerung gerufen zu werden.
Jakob Kaiser steht für eine politische Tradition, die Deutschlands geographische Lage auf dem europäischen Subkontinent Eurasiens als stete Gefährdung und als Potential zugleich begreift. Im Zentrum des Mitteleuropäischen Tieflands liegend, dort nach Westen wie Osten hin offen und nicht durch schwer überwindbare natürliche Barrieren abgegrenzt, war das Land der Deutschen über die Jahrhunderte hinweg ein Raum des Transfers, der Übersetzung und Vermittlung sowie der schöpferischen Aneignung. Zugleich aber blieb es hier immer auch ein Konfliktraum und Kriegsschauplatz. Seit der Formierung einer politischen Ordnungsmacht aus dem Ostfränkischen Reich heraus war damit das politische Problem formuliert, wie mit dieser Lage umzugehen ist.
Nach zwei verlorenen Weltkriegen um die kontinentale Stellung Deutschlands war die Lage 1945 katastrophaler denn je. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten sich in Europa allenthalben Kräfte durchgesetzt, die um jeden Preis klare Verhältnisse schaffen wollten. Im Kernland des zerstörten Europa standen sich nun, nach diesem jüngsten „dreißigjährigen Krieg“, die zwei tatsächlichen Siegermächte jener Epoche gegenüber, die USA und die UdSSR, formal noch Verbündete gegen das Deutsche Reich, während die Planer auf beiden Seiten längst ihr Gegenüber als nächsten Feind erkannt und definiert hatten.
Der katholische Rheinländer Konrad Adenauer, der in dieser Nachkriegszeit aus der britischen Besatzungszone heraus zum bestimmenden CDU-Politiker der Westzonen und ersten Kanzler der westdeutschen Republik wurde, hatte sich angesichts der abzusehenden staatlichen Teilung Deutschlands früh entschlossen, diese zu akzeptieren. Er verfolgte in Bonn, auch aus seiner politischen Prägung der 1920er Jahre heraus, das Konzept einer konsequenten Einbindung „Trizonesiens“, der späteren Bundesrepublik, in eine westeuropäische Union. Ihm trat jedoch mit Jakob Kaiser in Berlin ein Mann aus dem katholischen Franken mit allem Respekt entgegen, der den Kampf um Deutschlands Einheit und um eine gesamteuropäische Zukunft nicht aufgeben wollte. Es dürfe „keinen östlich oder westlich orientierten Politiker geben“, hielt er bei einer Rede in Bremen 1947 seinem Widerpart entgegen. Es gelte schließlich, Land und Volk zusammenzuhalten, man dürfe sich daher auch nicht aus „Sorge vor radikalen Ideen“ mit der Teilung abfinden. „Man lasse die deutschen Erfahrungen aus Ost und West nur ungehindert zusammenfließen. Ich bin überzeugt, daß das deutsche Volk dann am ersten die gesunde Synthese für seine künftige politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung findet“ [2].
Jakob Kaiser saß in Berlin indessen zwischen den Stühlen, denn er hatte auch die Sowjetische Militäradministration und die Kommunisten in der SBZ zum Gegner. Hielt man ihn von westlicher Seite für einen Mitläufer der sowjetischen Politik, unterstellte ihm die 1946 aus SPD und KPD zusammengeschlossene SED, er stehe dafür, Deutschland in eine „Kolonie des amerikanischen Monopolkapitals“ umzuwandeln [3]. Mit der immer offener zu Tage tretenden geopolitischen Konkurrenz der beiden zentralen Siegermächte schwand die Plausibilität von Kaisers vermittelnder Position, zumal ihr von keiner Seite entgegengekommen wurde. So distanzierte er sich zunächst auch von jener seinem Brückenkonzept innewohnenden Idee einer deutschen Neutralität zwischen den ideologischen und machtpolitischen Blöcken des 20. Jahrhunderts, die nur vereinzelt in der Union und anderswo fortlebte, so im Bad Nauheimer Kreis des CSU-Mitglieds und Historikers Ulrich Noack.
Jakob Kaisers Zugriff war keineswegs unrealistisch, denn in der noch offenen und unklaren Lage der unmittelbaren Nachkriegsjahre bis 1947 wurde auch in der US-amerikanischen Administration erwogen, ein ungeteiltes Deutschland als neutralisierten Puffer zwischen Westeuropa und der Sowjetunion zu installieren, bis man den Deutschen auf beiden Seiten ihre Frontstaaten des kalten und erwarteten heißen Krieges zuwies [4].
1949 band Adenauer den Kontrahenten in sein erstes Kabinett ein – als Minister für gesamtdeutsche Fragen. Dieses Amt nahm der aus dem Handwerkerstand kommende unermüdliche Arbeiter im Weinberg des Herrn bereitwillig an, indem er die Idee übernahm, von der BRD als Kernstaat aus das Projekt der Einheit zäh und beharrlich weiterzuverfolgen. Nun galt es ihm, jede politische Entscheidung auch im europäischen Rahmen daraufhin zu überprüfen, ob sie einer künftigen Einigung Deutschlands zu- oder abträglich war, und er blieb damit einer der wichtigsten innerparteilichen Gegenspieler Konrad Adenauers, den der sozialdemokratische Oppositionsführer Kurt Schumacher damals bekanntlich als „Bundeskanzler der Allierten“ beschimpft hatte.
So kämpfte Kaiser 1952 mit den FDP-Ministern Thomas Dehler und Franz Blücher zusammen um eine Abschwächung der Bindungsklausel im Generalvertrag der BRD mit den Westmächten, die auch ein wiedervereinigtes Deutschland fest an die von dieser Teilrepublik geschlossenen Verträge fixieren sollte. Auch im Westen blieb Kaiser streitbar – in der sogenannten Saar-Frage, wo es um eine Europäisierung, d.h. faktische Abtrennung des Saarlandes mit der wolkigen Perspektive seiner Einbindung in eine europäische Konföderation ging. Er unterstützte gegen Adenauers Willen massiv die Parteien im Saarland, die für den Verbleib in Deutschland plädierten. Daß die Saarländer schließlich für Deutschland stimmten, ist damit auch Kaisers Verdienst und Erfolg gewesen.
Als im März 1952 bei den Westmächten die sowjetische Note mit dem Vorschlag einer gesamtdeutschen Neutralität einschließlich eigener blockfreier Streitkräfte einging, plädierte Kaiser bei aller Skepsis dafür, diese Vorschläge ernst zu nehmen und zu prüfen, was wiederum zu heftigen Auseinandersetzungen mit Adenauer führte. Noch 1953 erklärte Jakob Kaiser in einer Vorstandssitzung seiner Partei hinsichtlich einer Überwindung der deutschen Teilung: „Wir schaffen es nicht alleine. Wir brauchen die großen Völker dazu; wir brauchen sogar die Russen dazu; denn ohne die Russen, wenn man nicht Krieg führen will, wird es nicht gelingen. Mit den Mitteln der Politik wird es nur dann gelingen, wenn die zögernde – ich sage mit Überlegung: zögernd – westliche Welt voranmacht“ [5] In anderem Kontext und doch ähnlicher Lage liest sich dies heute recht aktuell.
Jakob Kaisers Haltung darf als staatsmännisch im besten Sinne gekennzeichnet werden. Aus den Erfahrungen seines Jahrhunderts und einer grundständigen historischen Bildung heraus beurteilte er die Lage konsequent von einem Standpunkt aus, der fest in Deutschland und Europa verortet war, im übrigen stets auch sozialpolitisch und ideologisch Vermittlung statt Spaltung in den Blick nahm: „Um ein unabhängiges, einiges und soziales Deutschland“ [6] ging es, das seinen eigenen hochwertigen Platz als Brücke zwischen Ost und West hat. Nachfolger fand Kaiser in dem Sozialdemokraten Egon Bahr, der im fortgeschrittenen Kalten Krieg der beiden ideologischen und territorialen Hegemonialmächte einen „Wandel durch Annäherung“ propagierte und mit der Entspannungspolitik Willy Brandts zum Nutzen und Frommen Deutschlands auch umsetzen konnte.
Sollte Bahrs Politik der Annäherung damals mit der Mauer auch noch eine ideologische Systemkonkurrenz überwinden, ist eine solche heute nicht mehr gegeben. Nun gilt es andere Hindernisse zwischen Ost und West zu verwinden. Der Leitstern Jakob Kaisers für seinen Ansatz, die Gesprächskanäle auch nach Osten immer offen zu halten, steht im Zeichen von Tauroggen, in einer Konstellation mit Bismarck, Haushofer, Rathenau und von Seeckt. Sie reicht in den deutschen Ämtern bisher bis zu Bahr und Brandt, auch wenn sie auf Helmut Kohls Strickjacke im Kaukasus zuführen sollte. Dieser Leitstern kann und sollte uns noch heute führen: „Nicht dem Westen und nicht dem Osten hörig“ [7].
Anmerkungen
[1] In: Tilman Mayer (Hg.): Jakob Kaiser. Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswahl, Köln 1988, S. 274.
[2] In: Jakob Kaiser: Wir haben Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und Aufsätze zur Deutschlandpolitik. Hg. von Christian Hacke, Köln 1988, S. 243.
[3] Vgl. Rainer Zitelmann: Adenauers Gegner. Streiter für die Einheit, Erlangen u.a.: Straube, 1991, S. 36f.
[4] Vgl. ebd., S. 37 f.
[5] Zit. ebd., S. 50.
[6] Zit. nach Mayer, S. 121.
[7] Zit. nach Kaiser, Brücke, S. 231f

