1. Современный немецкий консерватор — это политический или культурный тип? Какие мотивы скорее приводят к консерватизму, политические и культурные?
[1. Ist der gegenwärtige deutsche Konservative ein politischer oder ein kultureller Typus? Welche Motive führen eher zum Konservatismus, politische oder kulturelle?]

›Den‹ heutigen Konservativen gibt es nicht, weder in Rußland, noch in Deutschland – dies ist einerseits ein Problem des Begriffs; andererseits ist die Szene, die gemeinhin als ›konservativ‹ oder gar ›rechts‹ bezeichnet wird, sehr heterogen. Man muß dabei für Deutschland zunächst einmal berücksichtigen, daß diese Begriffe hier in besonderem Maß als politische Kampfbegriffe im Alltag verwendet werden – dabei ist keine Differenzierung erlaubt. Wer etwa im hegemonialen Diskurs, also in den großen Medien oder an den Universitäten, als ›Nationalkonservativer‹, ›Rechter‹ oder ›Neuer Rechter‹ bezeichnet wird, hat in der Regel keine Chance mehr auf eine Karriere in den genannten Bereichen – nicht selten wird sogar die Privatsphäre einschließlich der Familie angegriffen, und zwar durchaus auch gewalttätig, ohne daß dies zu einer nennenswerten öffentlichen Debatte führte. Dies ist ein gravierender Unterschied etwa zum Umgang mit Kommunisten in der alten BRD, wo es einen langen Streit um einen ›Radikalenerlaß‹ gegen Linksextremisten gegeben hat, ehemalige Maoisten, Leninisten und Pol-Pot-Anhänger nach 1968 Universitätsprofessuren erhielten oder in hohe politische Ämter rücken konnten.

Zum Begriff ›Konservatismus‹ ist sodann zu sagen, daß es hierzu von dem griechischen Philosophen Panajotis Kondylis (1943–1998), der in Athen und Heidelberg lebte, eine umfangreiche begriffsgeschichtliche Studie gibt: Darin legt er dar, daß dieser Konservatismus als historisches Phänomen zu begreifen sei, gebunden an den europäischen Adel als Trägerschicht – als der Adel seine reale Machtstellung verlor, war ihm zufolge auch der Konservatismus hierzulande erledigt. Selbstbezeichnungen und Benennungen als ›konservativ‹ seit dem späten 19. Jahrhundert hält Kondylis daher für ein ideenhistorisches Mißverständnis oder einen Etikettenschwindel. Zudem ist der Begriff trotz vieler Definitionsversuche äußerst schwammig geblieben und auf unterschiedlichste Phänomene angewandt worden. Wenn wir in diesem Sinne also von Konservativen heute in Deutschland sprechen wollen, dann sollten wir allenfalls über jene vorwiegend ›bürgerlichen‹ Leute reden, die mit dem historischen Konservatismus ideologisch vor allem einen grundsätzlichen Antiegalitarismus teilen: auf Leistung, Differenz, Hierarchie und Struktur setzen sowie in Denkfiguren wie der einer allmählichen und nachhaltigen Entwicklung denken.

Hier müssen wir zwei weitere Kautelen zu Ihrer Frage einbauen: Kultur und Politik lassen sich nicht trennen und müssen doch in der Analyse getrennt werden, dies ist die eine Kautele. Die zweite besteht darin, daß wir zwischen einem programmatischen Konservatismus bzw. einer programmatischen ›Rechten‹ und einer allgemeinen ›konservativen‹ Tendenz in Deutschland unterscheiden müssen. Ich formuliere dies bewußt so vage nicht allein aufgrund des begrifflichen Vorbehalts von Kondylis, sondern auch deswegen, weil das klassische ›Lagerdenken‹ – hier ›progressiv‹, dort ›konservativ‹, hier ›links‹, dort ›rechts‹ – in Deutschland nur noch vordergründig funktioniert. In politischen Fragen gruppieren sich die Leute allmählich nämlich in zwei große Gruppen, die beide eigentlich Schnittmengen aus unterschiedlichen Teilen der traditionellen Lager bilden. Man könnte die eine Schnittmenge als die der globalistischen ›Eliten‹ und ihrer Ideologieproduzenten sowie Nutznießer bezeichnen, während die andere Menge vielleicht am besten als die der ›Partikularisten‹ oder ›Föderalisten‹ zu qualifizieren wäre, die wiederum ihre eigenen Ideologieproduzenten und Nutznießer haben.

Unter einem ›Globalisten‹ verstehe ich einen Typus, der sich moralisch auf den Universalismus der Menschenrechte beruft, sich auf die Menschheit als Kollektivsubjekt und Ausgangspunkt seines Denkens wie Handelns bezieht, daher den Nationalstaat sowie damit verbundene Handels-und Migrationsschranken prinzipiell kritisch sieht oder strikt ablehnt. Zu den Globalisten scheinen heutzutage nicht mehr nur die großen, transnational operierenden Konzerne zu gehören, sondern neben der deutschen Bundesregierung grosso modo eben auch alle Parteien im derzeitigen Bundestag – wir finden selbst in der sogenannten Linken neben Sahra Wagenknecht als globalisierungskritischem Aushängeschild dieser Partei vor allem eine kaum reflektierte globalistische Mischung aus vermeintlichem Antifaschismus, antideutschem Ressentiment, Menschenrechtsfundamentalismus und diffusem Eine-Welt-Denken. De facto unterstützen damit diese Partei ebenso wie die sich als ›links‹ verstehenden gewaltbereiten ›Antifa‹-Gruppierungen mit ihrer Parole ›No borders, no nations‹ eine Politik der staatlichen Entgrenzung und ungehemmten ökonomischen Globalisierung, die vor allem der Konzernwirtschaft und Finanzspekulation sowie deren politischem Hegemon dient. Darin unterscheiden sich vermeintlich ›linke‹ Parteien in Deutschland in ihrer Wirkung und oft auch ihren Intentionen inzwischen kaum noch von einer vermeintlich ›konservativen‹ CDU/CSU.

Wenn Sie also nach einem politischen Typus des Konservativen in Deutschland und dessen Beweggründen fragen, so kann ich darauf nur mit einem sehr allgemeinen Idealtypus im Sinne Max Webers antworten: Es ist dies zunächst einmal ein Anhänger des traditionellen Rechtstaates – also einer Politikauffassung, die sich positiv auf rechtlich funktionierende Staaten mit entsprechend funktionierendem Grenzregime als politische Handlungsgrößen hin orientiert. Ein solcher Staat garantiert im Inneren eine Gleichheit und Gleichbehandlung vor seinen Gesetzen in allen Bereichen und versteht sich als Organisation eines Staatsvolkes, um dessen Interessen zu schützen und auch nach außen zu vertreten. Das Spektrum innerhalb dieses politischen Typs von ›Konservativen‹ in Deutschland reicht heute vom klassischen Liberalen, wie er in der FDP einst seine Heimat hatte, über den traditionellen Christen und Anhänger eines föderalen Europa bis hin zum Nationalisten – der freilich nicht mit dem Chauvinisten zu verwechseln ist – und zum klassischen Linken mit marxistischer Schulung. Angesichts der aktuellen Lage, in der die Rechtlichkeit des Staates und seiner Institutionen rasant verfällt, haben sich diese Milieus inzwischen auch in Deutschland umgruppiert und als Konglomerat in neuen politischen Bewegungen formiert.

Eine politische Heimat hat dieses neue ›konservative‹ Konglomerat heute einerseits nämlich in der noch recht jungen Partei Alternative für Deutschland (AfD) gefunden, andererseits in den regierungs- und medienkritischen Montagsdemonstrationen der sog. PEGIDA in Dresden mit ihren Ablegern in ganz Deutschland. In beiden basisdemokratischen Bewegungen finden sich die von den etablierten Parteien enttäuschten Bürger wieder: Nicht nur Analysen der Wählerwanderung belegen einen Zulauf zur AfD von SPD und CDU, von der ›Linken‹, vereinzelt selbst von den ›Grünen‹; auch bei den Montagsdemonstrationen scheint sich dies abzubilden. Auffällig an dieser Entwicklung ist freilich, daß sie ihren Schwerpunkt bislang eindeutig auf dem vormaligen Gebiet der DDR hat.

Außerdem hat sich in den letzten Jahren ein erfolgreiches publizistisches Milieu diesen Zuschnitts etablieren können, das von der libertären Zeitschrift Eigentümlich frei über die rechtsliberale Wochenzeitung Junge Freiheit bis hin zu dem Querfront-Journal Compact des vormaligen antideutschen Linken Jürgen Elsässer reicht; es umfaßt überdies prononciert metapolitische Zeitschriften wie etwa die rechtsintellektuelle Sezession aus dem Verlag Antaios von Götz Kubitschek und die ideologisch offenere Zeitschrift Tumult um Frank Böckelmann, die sich programmatisch ›Vierteljahresschrift für Konsensstörung‹ untertitelt und ursprünglich von der poststrukturalistischen Linken herkommt. Ergänzt werden diese Printmedien, die steigende Auflagen vermelden können, durch ein großes Spektrum von teilweise sehr wirkmächtigen Netzseiten und Blogs unterschiedlicher Ausrichtung.

Fragen wir nun nach einem kulturellen Typus des ›Konservativen‹, so stehen wir vor dem Paradoxon, daß sich ein scheinbar konservativer und bildungsbürgerlicher Lebensstil und Habitus oft unter den – nicht nur wohlhabenden – Parteigängern der Globalisierung findet: Dort hält man sich vor allem für kosmopolitisch, sieht sich aber auch als Europäer und Vertreter althergebrachter Tugenden, verfügt über ›Bildung‹, identifiziert sich mit vormaligen Volksparteien wie SPD und CDU oder sympathisiert, vor allem als Akademiker der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten, mit den sogenannten Grünen, dieser ehemals als pazifistische Umweltschutzpartei angetretenen Gruppierung, deren Vertreter nicht nur die Deutschen in den Krieg der NATO gegen Serbien mit hineinführten, sondern auch umweltpolitisch kaum noch ein eigenes Profil aufweisen. »Links denken, rechts leben«, so hat man diese Klientel früher spöttisch charakterisiert. Der Habitus dieser Leute indes scheint nur ›konservativ‹, insofern dort ›bürgerliche‹ Verhaltensweisen im eigenen, vor allem privaten Lebensumfeld konserviert bzw. adaptiert werden, während man sie ideologisch und öffentlich zugleich oftmals negiert oder gar bekämpft. Ein schönes Beispiel hierfür war schon eine 2008 gescheiterte sozialdemokratische Spitzenkandidatin in Hessen, die politisch für das hierzulande von Linken präferierte Gesamtschulkonzept eintrat, zugleich aber ihren eigenen Sohn auf ein Privatgymnasium schickte.

Fragen wir daher sinnvollerweise nach einer kulturbezogenen Ideologie, die sich selbst programmatisch als konservativ oder gar rechts bezeichnet, so sind wir vor allem auf den Kreis um die genannte Zeitschrift Sezession und das damit zusammenhängende Institut für Staatspolitik verwiesen, aber auch um die Wochenzeitung Junge Freiheit. Selbst wenn es offenbar zu szenetypischen Zerwürfnissen zwischen beiden Kreisen kam, herrscht dort ideologisch doch eine weitgehende Kohäsion – so gibt es da ein grundsätzlich positives Verständnis von der deutschen Geschichte, das diese nicht auf eine Vorgeschichte hin zu Hitlers Nationalsozialismus reduziert wissen will. Man knüpft dabei auch dezidiert an den aristokratisch geprägten Widerstand aus dem Geiste Stefan Georges an und lehnt den real existierenden Nationalsozialismus ab, und zwar als ein modernistisches, im Kern linkes Projekt: Die politische und rassische ›Gleichschaltung‹ wird als spezifische Form des Egalitarismus angesehen, der damit zusammenhängende Glauben an eine unbeschränkte ›Machbarkeit‹ des Menschen und seiner Welt abgelehnt.

Eine eigene Gruppierung in diesem Feld bilden die ›Libertären‹, die sich an Theoretikern der ökonomischen ›Österreichischen Schule‹ wie Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises orientieren – sie würden sich selbst nicht als konservativ, sondern als liberal oder gar liberalistisch bezeichnen, tendieren zu einer programmatisch individualistischen Haltung, die den Staat grundsätzlich kritisch sieht, auf Eigeninitiative und Selbstorganisation des Menschen, vor allem aber auf einen ›freien Markt‹ setzt, den es ihrer Auffassung nach heutzutage nicht gibt. In den nicht-ökonomischen Grundüberzeugungen und der kritischen Analyse des gegenwärtigen Systems indessen bestehen große Überschneidungen mit den zuvor genannten Kreisen, so daß Vertreter beider Richtungen auch in den Organen der anderen publizieren.

2. По каким именно политическим декларациям можно определить консерватора? Каков тот минимум политических и социальных убеждений, который делает немецкого интеллектуала или вообще немецкого гражданина консерватором?
[2. Anhand welcher politischer Aussagen kann man einen Konservativen bestimmen? Was wäre das Minimum politischer und sozialer Überzeugungen, die einen deutschen Intellektuellen oder überhaupt einen deutschen
Staatsbürger zu einem Konservativen machen?]

Im Anschluß an das oben Gesagte will ich mich hier kurz fassen. Als konservatives Minimum kann man heute ganz pragmatisch für Deutschland definieren, daß man sich dem derzeitig praktizierten Regierungsstil und Regierungshandeln mit seinen Folgen entgegenstellt: also der vorgeblichen Alternativlosigkeit der deutschen EU-Politik, die zu Lasten der deutschen mittelständischen Unternehmer ebenso wie zu Lasten der Arbeitnehmer geht; der Öffnung der Grenzen für eine beschleunigte Masseneinwanderung überwiegend junger, unqualifizierter Männer und die zusätzliche Nachführung der Familien illegaler Einwanderer aus dem Maghreb, Mashrek, aus Afrika, Afghanistan usw., was zu Lasten des deutschen Sozialsystems und damit der arbeitenden deutschen Staatsbürger geht; die damit exekutierte Biopolitik, die zu Lasten der indigenen Deutschen geht und diese in den westdeutschen Großstädten schon in absehbarer Zeit zur Minderheit macht.

Damit verbunden ist die Ablehnung einer immer rigideren medialen Einflußnahme und öffentlichen Sprachregelung durch die Politik, die als mehr oder weniger freiwillige Selbstgleichschaltung der Medien und Ausschaltung einer echten Opposition interpretiert wird – den Medien insbesondere wird vorgeworfen, ihre etwa von Karl Marx im Streit um die Pressefreiheit begründete Funktion als Forum freier Staatsbürger und kritische Instanz gegenüber der Staatsgewalt preisgegeben zu haben. Pragmatisch konservativ sind also alle die, denen die weitgehend ›von oben‹ verfügte Umformung Deutschlands zu schnell geht, illegitim und gegen die deutschen Interessen gerichtet scheint, daher zunächst einmal einer öffentlichen und kontroversen Debatte zu stellen wäre. Man könnte diesen Typus eines konservativen Minimums als BRD-Konservativen bezeichnen, der sich vom rasenden Umbau der Republik durch ihre Regierung in Kollaboration mit demokratisch unzureichend legitimierten EU-Institutionen überrumpelt und beschädigt sieht.

Was die Frage nach einem programmatisch konservativen Intellektualismus in Deutschland betrifft, so ist dieser im Umfeld der genannten Publikationsorgane zu verorten – hier gibt es terminologisch Überschneidungen mit dem zunächst als Feindbezeichnung von politischen Gegnern verwendeten Begriff ›Neue Rechte‹, der von der Jungen Freiheit zurückgewiesen, vom Kreis um die Sezession provokativ angenommen wurde. Es dominiert eine Ausrichtung auf ein EU-kritisches nationalstaatliches Denken und eine europäische Kooperation im Sinne von de Gaulles ›Europa der Vaterländer‹ als Staatenbund. Man sieht sich damit in einer langen, in der alten Reichsidee verwurzelten Tradition des politischen und kulturellen Föderalismus, lehnt also zentralistische, auf einen Bundesstaat zielende Tendenzen in der Europapolitik weitgehend ab.

Außenpolitisch gibt es sowohl Verfechter einer ›karolingischen‹ Idee, die auf eine deutsch-französische Kooperation baut, als auch Transatlantiker, die eine Kooperation mit den USA im gegebenen Rahmen der NATO für die einzig derzeit realistische Position halten. Keinesfalls vergessen werden darf aber auch eine ›Tauroggen‹-Fraktion, die für eine deutsch-russische bzw. ›eurasische‹ Ausrichtung und eine Brückenfunktion Deutschlands zwischen West und Ost plädiert.

Gesellschaftspolitisch kann man konstatieren, daß diese programmatische Spielart des deutschen Konservatismus oder der deutschen Rechten – in unterschiedlichem Maße – auf den Begriff des Volkes im Sinne Herders als Kern der Staatlichkeit verpflichtet ist. Man lehnt die Geschlechterpolitik des ›Gender mainstreaming‹ ab, baut also auf das traditionelle Familienmodell als Basis von Gesellschaft und Staat. Im Hinblick auf die Religion ist die Lage heterogen: So gibt es eine starke christliche Fraktion, die ihre Schwierigkeiten mit den deutschen Amtskirchen hat, aber auch indifferente und christentumskritische Vertreter. Generell reproduziert der programmatische Konservatismus viele Fragestellungen und Denkmodelle der sogenannten Konservativen Revolution der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; von ihren Gegnern wird diese Strömung gern als Vorfeld oder Umfeld ›des‹ Nationalsozialismus apostrophiert, darf im Sinne einer seriösen Geschichtswissenschaft damit aber keinesfalls gleichgesetzt werden.

Wirtschaftspolitisch gibt es keine dominante Linie – es herrscht hier eine vage ordoliberale, auf eine staatlich eingedämmte Marktwirtschaft hin orientierte Haltung vor, der im libertären Bereich, um die Zeitschrift Eigentümlich frei als Kristallisationspunkt, die Anhänger der Österreichischen Schule gegenüberstehen.

3. Является ли консерватизм позицией политической элиты, или возможен в Германии низовой консерватизм, социальный или локальный, направленный на защиту интересов местных общин? Возможен ли консерватизм как социальное движение, оппозиционное всему политическому мейнстриму и политической элите?
[3. Erscheint der Konservatismus als Position politischer Eliten, oder kann man in Deutschland von einem sozialen bzw. lokalen Graswurzel-Konservatismus sprechen, der auf die Verteidigung der Interessen konkret ortsgebundener Gemeinschaften zielt?]

Der Konservatismus in Deutschland ist, vor dem Hintergrund des bereits Gesagten, heute eindeutig in einer Gegenposition zu den politisch, medial, akademisch und kulturell dominierenden Funktionseliten. Mit Blick auf die Demonstration Tausender Leute fast jeden Montag in Dresden, die sich unter dem Namen PEGIDA institutionalisiert hat, wird deutlich, daß diese legale und bislang gewaltfreie Demonstration den gesamten Herrschaftsapparat in Deutschland gegen sich weiß. Vom Bundespräsidenten über die Kanzlerin, sämtliche Landesregierungen, alle relevanten Parteien außer der AfD, die Kirchen, Universitätsleitungen, Behörden und Gewerkschaften sowie die großen Medien stellten sich bislang in einer nahezu geschlossenen Einheitsfront gegen diese Demonstrationen. Es muß zudem konstatiert werden, daß im Zuge von Gegendemonstrationen, an denen auch die Vertreter des genannten Establishments teilnahmen, die gewalttätige ›Antifa‹ aus dem Schutz der Anonymität wiederholt Autos von Demonstrationsteilnehmern in Brand gesetzt und nach den Veranstaltungen schon Demonstranten ins Krankenhaus geprügelt hat, ohne daß eine öffentliche Distanzierung erfolgte oder eine Debatte darüber geführt wurde. Ähnlichen Anfeindungen, institutionellen Behinderungen und Gewaltausbrüchen ist auch die neue Partei AfD ausgesetzt, deren Funktionsträger und Sympathisanten immer wieder angegriffen und verletzt werden.

Von der Schichtung her darf man sagen, daß der oben skizzierte ›pragmatische‹ Konservatismus als eine Bewegung ›von unten‹ bezeichnet werden kann. Sie hat jedoch keinen ›proletarischen‹ Charakter, sondern eine starke Basis in der steuerzahlenden Bevölkerung und der mittelständischen Wirtschaft, die sich aufgrund der gegenwärtigen Regierungspolitik und Ideologieproduktion um die Früchte ihrer Arbeit und die Zukunft ihrer Kinder sorgt, darüber hinaus wegen ihrer legitimen Kritik und ihres Protests von den herrschenden Eliten als ›Pöbel‹, ›Pack‹ oder ähnliches beschimpft und als innerer Feind behandelt wird. Dabei scheut die derzeitige deutsche Regierung auch nicht davor zurück, die Freiheit der Meinungsäußerung auf öffentlichen Internet-Plattformen wie Facebook auf fragwürdiger rechtlicher Grundlage drastisch einzuschränken und dabei mit einer Dame zusammenzuarbeiten, deren Spitzel-Tätigkeit für die Stasi unter anderem gegen Ausländer in der DDR aktenkundig ist.

4. Есть ли в Германии ›молодые консерваторы‹, новое поколение консерваторов? Чем они отличаются от традиционалистов, евроскептиков или правых радикалов?
[4. Gibt es in Deutschland ›junge Konservative‹, eine neue Generation dieser Richtung? Wodurch unterscheiden sie sich von den Traditionalisten, Euroskeptikern oder Rechtsradikalen?]

Man kann in der Tat sagen, daß es in Deutschland – und übrigens auch in Österreich – eine neue Generation des programmatischen Konservatismus gibt. Diese schließt an die Génération identitaire aus Frankreich an und bezeichnet sich selbst als ›Identitäre‹. Dabei handelt es sich um meist junge Leute, viele Studenten, die in letzter Zeit durch spektakuläre und durchwegs gewaltlose Aktionen wie die Besetzung des Brandenburger Tores in Berlin Aufsehen erregten. Auch der Kreis um Götz Kubitscheks Zeitschrift Sezession, der regelmäßig Tagungen veranstaltet, versammelt ein überwiegend junges, intellektuell ambitioniertes Publikum. Diese jüngere Generation orientiert sich an der Ikonographie der modernen Popkultur, so etwa dem Comic und Film 300, der den Kampf von Leonidas̓ Spartanern gegen die Perser popularisierte, aber auch an der deutschen jugendbewegten Tradition, was eklektizistisch verschmolzen wird. Der Nationalsozialismus spielt für diese jüngeren Leute keine Rolle mehr, weder als Vorbild, noch als Hemmnis oder Problem im politischen Kampf der Gegenwart.

Auf der intellektuellen Ebene ist noch keine echte neue ›Generation‹ zu sehen, denn auch die derzeitigen Köpfe der programmatischen Konservativen, Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek, folgen geistig letztlich den Bahnen jener Konservativen, die in der alten BRD Blütezeit hatten: Armin Mohler, Caspar von Schrenck-Notzing, Hans-Dietrich Sander, Hans-Joachim Arndt, Bernard Willms, Günter Maschke und Gerd-Klaus Kaltenbrunner, um nur einige zu nennen. Nicht zu unterschätzen ist hier auch immer noch der französische Vordenker Alain de Benoist, ein Freund Mohlers, der mit seiner Nouvelle Droite in Frankreich ein wichtiges Vorbild für den intellektuellen Konservatismus auch in Deutschland bot.

5. Что такое современный российский консерватизм в сравнении с германским? Можно ли назвать консерваторами КПРФ или тех, кто отстаивает региональные интересы?
[5. Wie könnte man den gegenwärtigen russischen Konservatismus im Vergleich mit dem deutschen bestimmen? Kann man die KPRF, die (zentralistische) Kommunistische Partei der Russischen Föderation, konservativ nennen, oder diejenigen, die regionale Interessen verteidigen?]

Ich persönlich kenne mich in der russischen Szenerie noch nicht gut aus, wenngleich ich als studierter Germanist und Osteuropahistoriker in den 1990er Jahren gute Kontakte nach Rußland hatte und mich seit zwei Jahren wieder um dieses Land bemühe. Was ich als Deutscher über die übliche Berichterstattung zu Rußland wahrnehme, was mir russische Freunde berichten und was ich selbst vorwiegend aus dem Internet durch russische Netzseiten lerne – das hat in mir bisher den Eindruck hinterlassen, daß der Konservatismus auch in Rußland viele und sehr unterschiedliche Gesichter hat. Grundsätzlich ist die Ausgangslage freilich eine völlig andere als in Deutschland, da die russische Regierung seit den 2000er Jahren zumindest außenpolitisch eine russische Interessenpolitik vertritt, die ja offenbar auch von breiten Teilen des Volkes begrüßt wird und recht erfolgreich zu sein scheint.

Mit meinen nur bescheidenen Informationen meine ich, Probleme vor allem in innenpolitischer Hinsicht erkennen zu können, nicht nur was die wirtschafts-, sozial- und strukturpolitische Lageentwicklung betrifft. So sehe ich die gegenwärtige Renaissance einer Stalin-Verehrung mit einer gewissen Sorge – als Historiker und Kulturwissenschaftler kann ich mir das zwar gut erklären, sehe aber darin erhebliche Probleme für Rußland selbst. Wie ich in vielen Gesprächen erfahren habe, ist Rußland hier ein in sich wenigstens ebenso tief gespaltenes Land wie Deutschland, und vor solchem gemeinsamen Hintergrund würde ich diesen Stalin-Konservatismus als Teil eines ›alten‹ Sowjet-Konservatismus verstehen wollen, der mir für die Bewältigung der Probleme und eine innere Einigung der Russen wenig geeignet erscheint. Die ungeheuren Opfer an Russen und Rußländern unter Stalins, aber auch schon unter Lenins Regime müssen jede heutige ideologische Strömung belasten, die sich auf die Bolschewiki als Vorbild beziehen und stützen wollte.

Wenn man wiederum die ›nationalbolschewistischen‹ Tendenzen bei manchen russischen Intellektuellen betrachtet, gibt es dafür in Deutschland keine echte Entsprechung mehr – zwar scheint es noch einige Bewunderer Ernst Niekischs zu geben, doch spielen diese auch intellektuell keine Rolle, soweit ich das sehe. Die russische Orthodoxie, ihr Einfluß und ihre Wirkung auf Intellektuelle wiederum ist ein weiteres Feld, das für eine Analyse des gegenwärtigen Konservatismus in Rußland von großem Interesse wäre – aber auch hier scheint es in Deutschland zumindest keine wirkmächtigen Überschneidungen oder Ähnlichkeiten zu geben. Das wäre indessen einmal an anderer Stelle eingehend zu diskutieren. Eine gewisse gemeinsame Tradition und damit auch einen Anknüpfungspunkt gibt es zur geopolitischen Orientierung auf ein ›Eurasien‹. Hier nahm man in Deutschland bisher vor allem Alexander G. Dugin zur Kenntnis, der auch von rußlandkritischen Analysten vor allem beachtet wurde, da man ihm eine Zeitlang einen Einfluß auf Vladimir V. Putin nachsagte.

Obschon es einige deutsche Intellektuelle mit profunder Rußlandkenntnis gibt, weiß die breitere Öffentlichkeit heute dennoch recht wenig über das gegenwärtige Rußland, und auch unter den programmatischen Konservativen in Deutschland kennt man jenseits von Dugin und Limonov praktisch nichts im Hinblick auf gegenwärtige konservative Strömungen in Rußland. Hier ist für uns Deutsche, so denke ich, noch vieles nachzuholen, gerade wenn man auch die konservativen Strömungen in beiden Ländern miteinander vergleichen, voneinander lernen und möglicherweise gemeinsame Perspektiven entwickeln möchte.

6. Консерватизму всегда угрожает радикализация, особенно в текущей атмосфере политической поляризации во всей Европе. Что консерватизм противопоставляет радикализму?
[6. Dem Konservatismus droht immer Radikalisierung, besonders in der derzeitigen Atmosphäre politischer Polarisierung in ganz Europa. Was setzt der Konservatismus dem Radikalismus entgegen?]

Radikalisierung muß man zunächst unter zwei verschiedenen Aspekten auch unterschiedlich bewerten. Zum einen wäre grundsätzlich nichts gegen eine intellektuelle Radikalisierung in dem Sinne einzuwenden, daß man durch eine krisenhafte Lageentwicklung gedrängt wird, die eigenen Fragestellungen und Denkbewegungen in die Tiefe zu treiben, um eben auf die Grundlagen, die Fundamente oder die Wurzel zu kommen (das lateinische Quellwort für Radikalisierung ist ja ›radix‹, die Wurzel). So haben etwa Glaubensnot und Nihilismus zu einem intellektuellen Radikalismus wie dem Nietzsches oder zu einem moralistischen Radikalismus wie dem Dostoevskijs geführt; dies ist etwas, das nicht verurteilt werden kann, sondern unvermeidlich und notwendig ist.

Der politische Radikalismus, der im Deutschen gern mit ›Extremismus‹ gleichgesetzt wird, ist das antikonservative Prinzip schlechthin, wenn wir uns auf die unter der ersten Frage erörterten idealtypischen Definitionen des heutigen Konservatismus einigen können. Der Radikalismus liegt heute in diesem Sinne eher auf seiten der deutschen Regierung und ihrer intellektuellen Parteigänger. Der Schriftsteller Jörg Bernig hat kürzlich in einer Rede in Kamenz, der Geburtsstadt des Aufklärers Lessing, den Gedanken geäußert, die Regierung Merkel treibe mit ihrer Politik der Grenzöffnung de facto eine fatale, die Lage radikalisierende Biopolitik – sie schicke sich an, aus einer typisch deutschen Unzufriedenheit der Herrschenden mit ihrem Volk heraus, die Bevölkerung Deutschlands rasant und radikal umzubauen. Dagegen ließe sich der eingangs beschriebene Konservatismus als Versuch einer Entschleunigung verstehen, die damit auch auf Mäßigung zielt. So gesehen ist der deutsche Konservatismus, sowohl der pragmatische als auch der programmatische, derzeit noch eher antiradikal als radikal. Sollte sich die Lage in Deutschland ökonomisch und politisch zuspitzen, werden sich zweifelsohne auch die Haltungen zuspitzen – dann wäre auch mit einer Radikalisierung der Konservativen zu rechnen.

Dresden, Dezember 2016 (Interview auf Russisch (23.12.2016))

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